Auftakt für »Stolpersteine« zur Erinnerung an Nazi-Gräuel

Mehr als 61.000 sogenannte Stolpersteine erinnern schon überall in Europa an die Opfer von Gewalt und Verfolgung während des Nationalsozialismus. 2017 wird es auch in Rietberg die ersten Steine geben. Dazu werden an prägnanten Orten Gedenktafeln aus Messing in den Fußweg eingelassen – natürlich so, dass niemand tatsächlich darüber stolpert. Sondern eher, um innezuhalten und sich zu erinnern, dass es auch in Rietberg Verfolgung und Vertreibung gegeben hat. Bürgermeister Andreas Sunder hat jetzt gemeinsam mit dem Aktionskünstler Gunter Demnig den Startschuss zu dem Projekt gegeben.

Wie er auf den Titel »Stolpersteine« gekommen ist, das wisse er selbst nicht mehr, erklärte Demnig jetzt vor rund 50 Zuhörern im Alten Progymnasium. Er erinnert sich aber gern an das Zitat eines Schülers: „Man stolpert mit dem Kopf und dem Herzen.“

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, heißt es im Talmud, einem der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums. Und die Steine sollen die Namen jener Menschen zurückbringen, die die Nationalsozialisten in Masse verfolgt und ermordet haben. Und an jedes einzelne Schicksal erinnern. Deshalb ist jeder Stein per Hand gefertigt und wird per Hand verlegt. „Die Verlegungen sind keine Routine“, sagt Demnig, „jedes Schicksal bewegt und soll bewegen. Ich möchte bewusst keine Massenverlegungen – ich möchte der damaligen Massenvernichtung vielmehr etwas entgegensetzen.“

So soll es auch in Rietberg sein. Stadtarchivar Manfred Beine und einige Mitstreiter haben bereits Namen und Schicksale von mehr als 40 verfolgten oder getöteten Menschen aus Rietberg recherchiert. Nach und nach, im Verlauf von etwa drei Jahren, sollen die Steine in Rietberg verlegt werden. Den Auftakt wollen Beine und Demnig im Juni 2017 in Neuenkirchen machen, am ehemaligen Sitz der Synagogengemeinde.

Raimond Pröger hatte im Rahmen einer Bürgerversammlung auf das europaweite Projekt hingewiesen und vorgeschlagen, dies auch in Rietberg zu verwirklichen. Die Politiker im Schul- und Sozialausschuss hatten dem im Juni dieses Jahres einvernehmlich zugestimmt.

Bürgermeister Andreas Sunder begrüßt ausdrücklich „diese zusätzliche Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus bei uns in der Stadt“. In Rietberg blickt man auf eine vielfältige Erinnerungskultur zurück – angefangen bei dem Mahnmal am Standort der Synagoge bis hin zu der Dauerausstellung über »Jüdisches Leben in Rietberg« in der Basilika im Bibeldorf.

„Doch Gedenken lebt von der Wiederholung, von dem Erinnern“, sagt Sunder und freut sich, dass viele Rietberger das neue Projekt unterstützen. Die örtlichen Heimatvereine helfen bei den Recherchen von Schicksalen und Biografien. Auch Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen sind aufgerufen, sich zu beteiligen und diese besondere Form der Erinnerung in den Unterricht aufzunehmen oder zu Projektschwerpunkten zu machen. Erste Gespräche seien geführt, so Manfred Beine: „Die Einladung steht.“

Wie groß der Rückhalt aus der Bevölkerung für die »Stolpersteine« ist, zeichnet sich bereits ab: Für jeden Stein ist eine Patenschaft nötig, um die Verlegung mit 120 Euro zu finanzieren. Und bereits jetzt sind 15 Patenschaften fest zugesagt. Weitere Paten und Unterstützer dürfen sich gern bei Manfred Beine melden, Telefon (05244) 986370. Auch Hilfe bei den Recherchen zu einst verfolgten Rietbergern ist nötig, wünscht sich der Stadtarchivar. „Diese Steine können Familien auch Frieden und Erlösung bringen“, sagte eine Zuhörerin während des Infoabends.

Bild:Künstler Gunter Demnig (links) und Manfred Beine informierten rund 50 Interessenten über die geplante Verlegung von »Stolpersteinen« in Rietberg. Foto: Stadt Rietberg